Als Friedrich Merz im Jahr 2025 die Bundesregierung übernahm, klang sein Versprechen an die Industrie wie ein Befreiungsschlag. Er werde, so seine Worte, „alles tun, um die Chemieindustrie in Deutschland zu halten und wieder aufzubauen“. Nach Jahren steigender Energiepreise, wachsender Bürokratie und internationaler Wettbewerbsnachteile sollte ein politischer Kurswechsel den industriellen Niedergang stoppen. Heute, ein gutes Jahr später, zeigt sich: Von den Ankündigungen ist wenig im Alltag der Unternehmen angekommen.
Große Ankündigungen, kleine Ergebnisse
Merz’ Regierung stellte eine „Chemieagenda 2045“ in Aussicht, versprach Steuererleichterungen, eine Senkung der Energiekosten und weniger Bürokratie. Es folgten Treffen mit Branchenvertretern – der Chemie- und Pharma-Summit in Berlin wurde als Neustart gefeiert. Auch ein spezieller Industriestrompreis für energieintensive Betriebe stand wieder auf der politischen Agenda.
Doch konkrete Maßnahmen, die in der Praxis spürbar Entlastung bringen, blieben bislang aus. Weder eine verbindliche Senkung der Industriestromkosten noch eine umfassende Steuerreform ist umgesetzt worden. Stattdessen befinden sich viele der angekündigten Programme noch in der Planungs- oder Prüfphase. In der Branche wächst der Eindruck, dass die Regierung Zeit verliert, während die Wettbewerbsfähigkeit weiter schwindet.
Bittere Realität: Schließungen und Jobverluste
Während in Berlin über Zukunftsstrategien gesprochen wurde, schrumpft die Chemieindustrie weiter. Laut einer Analyse von Oxford Economics, die im Auftrag des Chemiekonzerns INEOS erstellt wurde, sind rund 200 Chemiewerke in Deutschland bereits geschlossen oder stillgelegt worden. Insgesamt seien etwa 40.000 Arbeitsplätze in der Branche bedroht oder verloren gegangen.
Die Liste der betroffenen Standorte ist lang:
BASF in Ludwigshafen hat mehrere energieintensive Anlagen stillgelegt und Hunderte Stellen gestrichen.
Dow kündigte an, Werke in Böhlen und Schkopau zu schließen – 550 Jobs sind betroffen.
Bayer gab im Mai 2025 bekannt, den Standort im Industriepark Höchst vollständig aufzugeben, was rund 500 Mitarbeiter betrifft.
Lanxess plant, Teile des Werks in Krefeld-Uerdingen bis 2026 herunterzufahren.
Für viele dieser Unternehmen kam die politische Unterstützung zu spät oder blieb rein symbolisch.
Strukturelle Probleme bleiben ungelöst
Die zentralen Belastungen – hohe Energiepreise, CO₂-Kosten und überbordende Bürokratie – bestehen fort. Während andere Länder mit gezielten Industrieprogrammen oder günstigeren Stromtarifen locken, kämpfen deutsche Chemiebetriebe mit Standortnachteilen. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) warnt bereits vor einer „stillen Deindustrialisierung“.
Selbst Branchenriesen wie BASF verlagern Investitionen zunehmend ins Ausland, etwa nach China oder in die USA, wo Energie günstiger und Auflagen schlanker sind. Kleine und mittlere Unternehmen hingegen haben oft keine Ausweichmöglichkeit – sie schließen schlicht die Tore.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Merz’ Ankündigungen zielten darauf, Vertrauen in den Standort Deutschland zurückzugewinnen. Doch bislang klafft eine deutliche Lücke zwischen politischem Anspruch und wirtschaftlicher Realität. Die angekündigten Entlastungen existieren größtenteils auf dem Papier, während die Industrie im internationalen Vergleich weiter an Boden verliert.
Das Resultat: Die Chemiebranche, einst ein Stolz der deutschen Wirtschaft, steht so geschwächt da wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Solange die Versprechen nicht in verbindliche politische Taten übersetzt werden, bleibt Merz’ „Chemieoffensive“ vor allem eines – ein weiteres Beispiel für große Worte in Zeiten, in denen die Industrie dringend konkrete Lösungen braucht.
